
Michael Liebert und seine Preis-Genuss-Wertung
Die Grundidee bei meiner Bewertung ist, dass wohl jeder Weintrinker eine gewisse Erwartungshaltung hat, wenn er eine Flasche Wein öffnet. Und diese Erwartungshaltung ist eine andere, ob er gerade eine 20-Euro-Flasche kredenzen will oder sich gerade eine 5-Euro-Flasche zur Brotzeit öffnet. Und genau diese Erwartungshaltung versuche ich in meine Bewertung einzubauen.
Der Genuss – abhängig vom Preis?
In der grauen Theorie sollte man sagen, der Genuss ist doch nicht abhängig vom Preis? Und doch haben auch SIE eine gewisse Erwartung, wenn Sie hören, so eine Flasche Petrus oder Mouton-Rothschild kostet 600 Euro und mehr…
Bei mir geht es meist erheblich einfacher zu. Ein Beispiel aus der Praxis. Letztens ist mir ein Muster zugeschickt worden. In der Mail hieß es, “ein toller Wein, sie werden begeistert sein… ” Ich hab die Flasche geöffnet, ein Primitivo aus Apulien und dachte mir “Na gut, tolle Frucht, gute Struktur, für einen Primitivo auch angenehm saftig… Sollte so bei 6-7 Euro liegen, da lässt sich über eine gute Bewertung reden. Dann kamen mir kurz Zweifel: “Wenn er allerdings 10 € kosten soll, dann kommen wir über die 95 Punkte nicht hinaus. So gut ist er dann auch wieder nicht…”
Lange Rede, kurzer Sinn, ich hab nachgesehen, was der Wein im Laden kosten soll. Und da stand ein Preis von 4,35 €. Und damit hab ich dem Wein spontan 100 Punkte gegeben, denn für so einen Preis, kann man diese Qualität eigentlich nicht erwarten…
Qualität – Genuss – Preis
In der Praxis hat es somit ein Wein für 5 oder 7 Euro erheblich leichter, die 99 0der 100 Punkte zu erhalten, als ein Mouton-Rothschild oder ein Petrus. Denn bei diesen Preisen sind auch die Erwartungen entsprechend. Und diese Erwartungen zu übertreffen, schafft wohl auch der beste Jahrgang von Petrus nicht mehr… Es gab auch noch nie einen 40- oder 50-Euro-Wein, der die 100 Punkte erhalten hat.
Und doch ist es leider so, dass ein Mouton-Rothschild oder ein guter 40-Euro-Wein, der von mir 95 Punkte bekommt, um Klassen besser ist, wie der 100-Punkte-5-Euro-Wein. Es gibt da ganze tolle Weine, die Winzer und Weinmacher haben viel Herzblut reingesteckt und ab und an kann man sich doch mal auf einen solchen Wein einlassen? Die Vorfreude auf eine solche Flasche und die Erwartung ist ja schon was schönes…
Preis/Genuss-Wertung
96 – 100 Punkte: Weine, wie man sie in der jeweiligen Preisklasse nicht erwartet. Eine überzeugende Qualität zu einem überraschend günstigen Preis. Und es muss ein Wein sein, der den Leuten am Tisch ein Lächeln ins Gesicht zaubert. Etwa ein 5-Euro-Wein, der schmeckt, als ob man sich einen weit teureren Tropfen geleistet hätte oder eben einen für 25 €, der auch in einer Probe mit 40-50 € teuren Gewächsen noch angenehm auffällt.
Machen Sie sich selbst ein Bild, wie ‘großzügig’ ich mit Topbewertungen umgehe:
- Michael Liebert – 100 Punkte (nach Aktualität sortiert)
- Michael Liebert – 99 Punkte
- Michael Liebert – 98 Punkte
90 – 95 Punkte: Tolle Weine mit hervorragender Qualität, zu einem adäquaten Preis. Der Weinmacher stellt zwar sein Licht nicht unter den Scheffel, aber wenn wir ehrlich sind, haben wir mit so einem Wein doch wieder ein Schnäppchen gemacht. Viel Trinkspaß zu einem günstigen Preis, sofort zuschlagen!
80 – 89 Punkte: Gute Qualitäten, wie man sie für den jeweiligen Preis erwartet. Somit die goldene Mitte zwischen den Interessen des Winzers und unseren Interessen als Weingenießer.
70 – 79 Punkte: Nichts gegen die Qualität, aber der Preis ist dafür ist etwas zu hoch… Dieses Urteil kann einen einfachen Wein vom Discounter für 2 € treffen, aber eben auch einen Brunello für 30 € von dem man deutlich mehr erwartet hätte.
60 – 69 Punkte: Uninteressante, belanglose Weine, die einfach nur langweilen und deshalb grundsätzlich zu teuer sind!
Meine Tipps – meine Lieblinge
Hier eine jeweils aktuelle Auswahl an Weinen, die mich aus dem einen oder anderen Grund begeistert haben:
italienische Weine mit bestem Preis-Genuss-Verhältnis
Wein zum Einlagern – Tipps aus Italien
Verkostungsmodalitäten
Einen Wein zu bewerten und zu beurteilen braucht Zeit. Für die ausführlichen Verkostungsnotizen hab ich jeden Wein mindestens 2-3 Mal im Glas.
- für den ersten Eindruck braucht es neutrale Bedingungen, also ohne Essen, noch bevor das Essen auf dem Tisch steht… erste Notizen!
- die Frage, wie bewährt sich dieser Wein zum Essen?
- Ein Rekapitulieren erfolgt am nächsten Tag. Hatte ich einen schlechten Tag? War ich ungerecht? Oder hat sich der Wein entwickelt?
Erst danach hab ich den Wein ‘erlebt’ und kann darüber berichten. Auch so ist es immer meine persönliche Meinung, mein Eindruck und es bleibt eine Momentaufnahme, da sich Wein immerzu verändert.
Qualitätsorientierte Weinbewertung
Da die oben beschriebene Art der Bewertung in erster Linie das Verhältnis von Preis und Qualität beschreibt, und man bei manchen Weinen gerne noch etwas mehr sagen würde, experimentiere ich momentan mit einem erweiterten Bewertungs-Schema. Somit nicht wundern, wenn Sie in Zukunft immer öfter über eine kryptische Bewertungszeile wie folgt stolpern:
96/***/6 (Preis-Genuss-Wertung/Weingut/Qualität)
Zu allererst die bereits bekannte Preis-Genuss-Wertung, dann folgt ein Einschätzung des Weingutes (es gibt max. 5 Sterne und wenn ich das Weingut nicht oder noch nicht einschätzen kann, weil ich es noch nicht lange genug kenne gibt es ein ‘?’). Die letzte Zahl versucht die Qualität des Weines auf einer Skala von 1-10 auszudrücken.
Bei dem Beispiel oben handelt es sich um einen sehr guten Wein, für einen günstigen Preis von einem gut geführten Weingut. Für den Preis ist der Wein hervorragend, aber mit den 6 Punkten für die Qualität bringe ich zum Ausdruck, dass es doch noch so einiges an Weinen gibt, die deutlich besser sind, aber dann eben auch deutlich teurer…




[...] für sich probiert, unter anderem die sehr überzeugende und vielleicht weit treffendere Preis-Genuss-Bewertung von Michael Liebert, kommt damit aber selber nicht klar. Der Weinfreak, obwohl Amateur, ist eben schon [...]