Ich hab trotz all der Jahre im Weinbusiness immer versucht, mir den Blick des Weinliebhabers zu erhalten. Wie dieser bin ich immer auf der Suche nach dem Wein, der ein besonderes Trinkvergnügen bietet, auch wenn man diesen Spaß an bestimmten Weinen oft nicht in Worte fassen kann. Und wenn dieser Wein dann noch zu einem erschwinglichen Preis zu haben ist, freut man sich doch erst recht?
Andererseits steigen mit der Höhe des Preises auch meine und Ihre Erwartungen an den Wein. Diese Erwartungshaltung, und manchmal auch die daraus entstehende Enttäuschung, wenn der Wein zwar gut, aber nicht wirklich überzeugend ist, versucht meine Preis-Genuss-Wertung in Zahlen zu fassen. So kann es vorkommen, dass ein kleiner, unbekannter Wein aus Apulien für 5 €, der fasziniert und auf seine Weise Spaß macht, 95 Punkte bekommt, während sich ein großer Brunello mit anständigen 85 Punkten zufrieden geben muss. Nicht weil die Qualität objektiv schlechter ist, ganz im Gegenteil, aber für 30 € hätte man einfach noch mehr Qualität und Trinkspaß erwartet.
Preis/Genuss-Wertung
96 – 100 Punkte: Weine, wie man sie in der jeweiligen Preisklasse nicht erwartet. Eine überzeugende Qualität zu einem überraschend günstigen Preis. Und es muss ein Wein sein, der den Leuten am Tisch ein Lächeln ins Gesicht zaubert. Etwa ein 5-Euro-Wein, der schmeckt, als ob man sich einen weit teureren Tropfen geleistet hätte oder eben einen für 25 €, der auch in einer Probe mit 40-50 € teuren Gewächsen noch angenehm auffällt.
90 – 95 Punkte: Tolle Weine mit hervorragender Qualität, zu einem adäquaten Preis. Der Weinmacher stellt zwar sein Licht nicht unter den Scheffel, aber wenn wir ehrlich sind, haben wir mit so einem Wein doch wieder ein Schnäppchen gemacht. Viel Trinkspaß zu einem günstigen Preis, sofort zuschlagen!
80 – 89 Punkte: Gute Qualitäten, wie man sie für den jeweiligen Preis erwartet. Somit die goldene Mitte zwischen den Interessen des Winzers und unseren Interessen als Weingenießer.
70 – 79 Punkte: Nichts gegen die Qualität, aber der Preis ist dafür ist etwas zu hoch… Dieses Urteil kann einen einfachen Wein vom Discounter für 2 € treffen, aber eben auch einen Brunello für 30 € von dem man deutlich mehr erwartet hätte.
60 – 69 Punkte: Uninteressante, belanglose Weine, die einfach nur langweilen und deshalb grundsätzlich zu teuer sind!
Meine Verkostungsnotizen
http://michael-liebert.de/weintipps/verkostungsnotizen/
hier finden Sie meine Verkostungsnotizen in chronologischer Reihenfolge, sortiert nach italienischen, deutschen und spanischen Weinen. Aber Vorsicht, es sind inzwischen fast 800 Weinbewertungen.
Hier eine jeweils aktuelle Auswahl an Weinen, die mich aus dem einen oder anderen Grund begeistert haben:
italienische Weine mit bestem Preis-Genuss-Verhältnis
Wein zum Einlagern – Tipps aus Italien
Verkostungsmodalitäten
Einen Wein zu bewerten und zu beurteilen braucht Zeit. Für die ausführlichen Verkostungsnotizen hab ich jeden Wein mindestens 2-3 Mal im Glas.
- für den ersten Eindruck braucht es neutrale Bedingungen, also ohne Essen, noch bevor das Essen auf dem Tisch steht… erste Notizen!
- die Frage, wie bewährt sich dieser Wein zum Essen?
- Ein Rekapitulieren erfolgt am nächsten Tag. Hatte ich einen schlechten Tag? War ich ungerecht? Oder hat sich der Wein entwickelt?
Erst danach hab ich den Wein ‘erlebt’ und kann darüber berichten. Auch so ist es immer meine persönliche Meinung, mein Eindruck und es bleibt eine Momentaufnahme, da sich Wein immerzu verändert.
Für kurze Eindrücke auf Veranstaltungen oder ein Wein bei Freunden nutze ich gerne Twitter, damit ich mich später wieder an den Wein erinnern kann. Diese Notizen findet man dann unter Aktuell im Glas…
Qualitätsorientierte Weinbewertung
Da die oben beschriebene Art der Bewertung in erster Linie das Verhältnis von Preis und Qualität beschreibt, und man bei manchen Weinen gerne noch etwas mehr sagen würde, experimentiere ich momentan mit einem erweiterten Bewertungs-Schema. Somit nicht wundern, wenn Sie in Zukunft immer öfter über eine kryptische Bewertungszeile wie folgt stolpern:
96/***/6 (Preis-Genuss-Wertung/Weingut/Qualität)
Zu allererst die bereits bekannte Preis-Genuss-Wertung, dann folgt ein Einschätzung des Weingutes (es gibt max. 5 Sterne und wenn ich das Weingut nicht oder noch nicht einschätzen kann, weil ich es noch nicht lange genug kenne gibt es ein ‘?’). Die letzte Zahl versucht die Qualität des Weines auf einer Skala von 1-10 auszudrücken.
Bei dem Beispiel oben handelt es sich um einen sehr guten Wein, für einen günstigen Preis von einem gut geführten Weingut. Für den Preis ist der Wein hervorragend, aber mit den 6 Punkten für die Qualität bringe ich zum Ausdruck, dass es doch noch so einiges an Weinen gibt, die deutlich besser sind, aber dann eben auch deutlich teurer…
