Ich hab mich gerade durch den Blätterwald geklickt und bin betroffen über die unseriöse Darstellung und Vermischung der beiden Weinskandale die derzeit Italien erschüttern. Es ist erstaunlich, wie auch seriöse Medien einfach gegenseitig abschreiben und sich kein Journalist die Mühe macht, gewisse Dinge zu überprüfen oder gar zu hinterfragen. Dabei scheinen Zahlen eine besondere Anziehungskraft auf Journalisten zu haben.
Es stimmt es wurden 600.000 Flaschen Brunello beschlagnahmt. Eine gewaltige Menge, aber eben nur ein Wein, von einem Weingut, aus einem Jahrgang. Nur eben bei einem Weingut mit entsprechend großer Produktion. Außerdem wurden etliche Weinberge gesichert, um Beweise sicherzustellen. Was ist passiert? Brunello ist laut Gesetz ein Wein, der zu 100% aus Sangiovese zu keltern ist. Etliche Weingüter haben aber wohl doch eine gewisse Menge an Merlot oder Cabernet verwendet, um dem Wein mehr Struktur zu geben bzw. in etwas weicher und runder hinzubekommen. Im Chianti Classico ist dies seit einigen Jahren erlaubt und auch im Consorzio von Montalcino wird darüber seit Jahren diskutiert. Etliche Weingüter haben hier wohl einer gesetzlichen Regelung bereits vorgegriffen.
Keine Frage der Qualität, sondern eine Frage des Weinstils
Aber es hat sich bisher nicht bestätigt, dass einfacher Wein aus Apulien oder gar aus Frankreich zugegeben wurde, wie in manchen Meldungen behauptet. Warum hätte man ansonsten die Weinberge als Beweis sichern müssen? Momentan kann man wohl noch davon ausgehen, dass die Trauben jeweils aus den eigenen Weinbergen stammten und wohl auch mit derselben Sorgfalt gehegt wurden, wie der Sangiovese. Es sind auch keine minderwertigen Rebsorten oder warum werden für die Cabernets und Merlots der beteiligten Weingüter so hohe Preise bezahlt!
Ein klarer Gesetzesverstoß, der geahndet werden muss, aber es ist nicht so, dass uns Weintrinkern eine minderwertige Wein untergejubelt wurde. Schlechten Brunello kann man auch aus Sangiovese keltern!
Es geht hier nicht um die Qualität, sondern um den Stil dieser italienischer Weinikone.
Auch ich hatte vor kurzem den Brunello von Banfi im Glas. Es war zwar wieder nicht mein persönlicher Favorit des Jahres, aber er ist für den Jahrgang erstaunlich elegant und es gibt viele andere Weingüter in Montalcino, die noch nicht auf der ominösen Liste auftauchen und in 2003 erheblich schlechteren Wein abgefüllt haben.
Echt? Man kann Wein auch aus Trauben machen?
Der zweite Skandal hat hier eine ganz andere Dimension. Man hat als ‚Wein’ titulierte Flüssigkeiten gefunden, die wohl nur noch zu etwa einem Drittel aus Traubenmost gekeltert wurden. Damit die Zugabe von 70% Wasser nicht auffällt, hat man mit Zucker, Salzsäure, Düngemittel und anderen unappetitlichen Beimischungen nachgeholfen, um Farbe, Konsistenz und ‚Geschmack’ hinzubekommen… Warum? Weinsäure, Glycerin und Alkohol waren zu teuer. Ob man damit aber, wie von Journalisten immer wieder abgeschrieben, die Produktionskosten um 90% senken konnte, wenn angeblich noch 30% Wein enthalten waren, wage ich zu bezweifeln. Sauberes Wasser ist in Süditalien ja auch nicht mehr billig.
Laborarbeit und keine Weingüter
Aber Scherz beiseite, es ist eine gewaltige Sauerei, die hier aufgedeckt wurde. Aber es ist eben auch so, dass ein Weingut bzw. ein für die Verarbeitung von Trauben ausgelegter Keller, gar nicht geeignet ist, so ein weinähnliches Getränk herzustellen. Es handelt sich dabei um entsprechende Fabriken und Labors.
Und was erwartet die Konsumenten eigentlich bei einem Getränk, das für 70 Cent im Supermarkt steht? Geht man da wirklich davon aus, dass ein Weinbauer liebevoll jeden einzelnen Rebstock pflegt, sich Gedanken macht, wann er die Trauben behutsam ließt, um anschließend daraus einen ganz besonderen Tropfen zu keltern?
Weingüter, Kellereien und Weinfabriken
Aber wer wundert sich eigentlich? Billig, billiger, am billigsten… Das Teuerste am Wein ist die Arbeit, die drin steckt. Ob der einfache Weinbergsarbeiter, die Lesehelfer oder die Kellermeister. Alle müssen leben und wollen gemäß ihrer Qualifikation bezahlt werden.
Ein guter Wein macht viel Arbeit und ein bisschen Liebe kann ihm auch nicht schaffen. So gibt es für mich zwar günstige Weine und es gibt Weine mit einem hervorragenden Preis-/Genuss-Verhältnis, aber von billigen Weinen würde ich von vornherein die Finger lassen.
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