Lieber Herr Schulz,
wir hatten am Wochenende zum ersten Mal in unserem Leben Veganer bei uns zu Gast. Weiß nicht, ob Ihnen Veganer etwas sagen: sie essen absolut nichts Tierisches. Nachdem ich mich mit der veganen Küche auseinandergesetzt habe, ging es um die Klärung was wir trinken. Unsere Bekannten wollten den Wein unbedingt selber mitbringen. Die Erklärung: Wein würde nicht selten “geschönt”; mit Gelatine, Kasein oder sogar Hausenblase. Alles vom Tier.
Mein Mann und ich waren ehrlich gesagt geschockt, wir hatten das noch nie gehört.
Jetzt interessiert uns natürlich sehr, ob Sie sich mit dem Thema auseinandersetzen und ob sie wissen, wie die Weingüter, von denen Sie Wein beziehen damit umgehen.
Würde mich sehr freuen, wenn ich eine Antwort bekäme, Thema sicherlich etwas heikel. Bin allerdings völlig neutral eingestellt und bin sicher, Sie können uns beruhigen.
Liebe Ronaldi-Kundin,
so wie es kaum eine Frau gibt, die sich nicht ‚schön macht‘, bevor sie der Essenseinladung folgt, so gibt es auch kaum einen Wein, der nicht ‚geschönt‘ ist. Es ist einer der letzten Arbeitsschritte vor der Abfüllung und es geht darum, den Wein frei von Schweb- und Trubstoffen in die Flasche zu bekommen. Die natürlichste Form der Schönung ist die natürliche Schönung, durch genügend Zeit im Fass oder im Tank, dann können sich die Schwebstoffe von selbst absetzen…
Die alten Schönungstechniken mit Hausenblase, Gelatine etc. sind auch heute noch erlaubt, werden aber nicht mehr eingesetzt, da zu arbeitsaufwendig und durch andere Techniken, insbesondere durch die Filtration zu ersetzen.
Geschönt wird heutzutage meist nur noch mit Bentonit, einem tonhaltiges Gesteinsmehl und bei einigen der hochwertigen Rotweine wird auf eine alte, sehr schonende Methode zurückgegriffen, die für den Wein sehr schonend, aber aus Sicht eines Veganers bedenklich sein könnte: frisch aufgeschlagenes Hühnereiweiß! Das Eiweiß bindet die noch vorhandenen Schwebstoffe und sinkt zu Boden. Der klare Wein wird von oben abgezogen. Auch bei diesen Weinen bleibt dieses Eiweiß allerdings nicht im Wein zurück (würde auch Probleme mit der Haltbarkeit geben…), somit müsste hier ein Veganer selbst entscheiden, ob dies bedenklich ist. Angewendet wird diese Technik bei kräftigen, gehaltvollen Rotweinen ab einer Preisklasse von etwa 50 €, da ansonsten zu aufwendig und zu teuer…
Es gibt tatsächlich einige, nicht nur aus Sicht eines Veganers, bedenkliche Schönungstechniken, aber diese dienen immer dazu, gewisse Fehler zu verschleiern und das würde bei unserer sensorischen Prüfung auffallen. Es geht dabei allerdings um eine Kategorie von Weine, mit denen wir uns bei Ronaldi nicht beschäftigen.
Lieben Gruß aus Bayern
Michael Liebert
Beratender Sommelier
Ähnliche Artikel:
Alter Wein – guter Wein Um alte Weine ranken sich viele Mythen! Die Vorstellung, dass Wein, gerade Rotwein mit dem...
Wein-Statistik: Wieviel Wein trinkt Deutschland? Nicht alle Statistiken sind langweilig. Gerade die Frage, wer am meisten Wein trinkt, beschäftigt uns...
Elbling – eine uralte Rebsorte und ein junger, frecher Wein Der Elbling ist eine der ältesten Rebsorten Europas und inzwischen weiß man, er ist nicht...
Wein im Flugzeug schmeckt anders? Durch den niedrigeren Druck im Flieger nehmen wir die Aromen und die Struktur eines Weins...



