Jetzt ist die Katze aus dem Sack und die erste Sendung über die Mosel wurde gestern ausgestrahlt (wird übrigens heute Sonntag um 12:30 Uhr und am Dienstag um 00:15 Uhr wiederholt). Im Vorfeld hat die Bloggerszene ja heftig über Inhalte, Moderatoren und Werbepartner spekuliert.
Mario Scheuermann auf drinktank mit Ankündigung, Infos zur Produktionsfirma und dem Werbepartner,
Alexander Ultes mit Informationen zu meiner Person, hier und hier.
Michael Pleitgen von der Weinakademie Berlin mit den Hintergründe einer solchen Produktion,
Eckhard Supp mit interessanten Anmerkungen zur Medien und Kommerz.
Aktuelle Meinungen zu ’100% Wein’
Eckhard Supp und Mario Scheuermann sind nun auch die ersten, die konkret auf die erste ausgestrahlte Sendung der Reihe “100% Wein” eingehen. Und sie kommen gleich mit zwei sehr konträren Meinungen auf den Markt.
100% Wein: besser als erwartet, von Mario Scheuermann
Wein auf n-tv – Mein heroischer Kampf von Eckhard Supp
Sie machen dabei deutlich, welche Frage bei der Weiterentwicklung dieses Formats beantwortet werden muss.
Welche Zielgruppe will man mit 100% Wein ansprechen?
Als Zugang zum Thema Wein auch für weniger gut wein-informierte Zuschauer (das eigentlich Alter, würde ich nicht als Maßstab nenne, da ich viel zu viele junge, sehr junge, unheimlich weinbegeisterte Mitmenschen kenne oder wie es Herr Supp drastischer formuliert hat “…und saß dabei wieder einmal dem Irrtum auf, junge Menschen seien per se Dummköpfe, denen man das Leben auf keinen Fall mit Informationen schwer machen dürfe.”)
oder als Magazin, was zugegebener Maßen der Titel “100% Wein” assoziiert, als ‘special interest magazine’ in dem auch Weininteressierte viel Information bekommen und noch Neues entdecken können. Wozu zählen Sie sich?
Ich will hier eine Diskussionsplattform bieten, Eindrücke und Meinung sammeln und daraus eine Liste von Vorschlägen für den Sender destillieren. Schreiben Sie mir, was Ihnen gefallen hat, wo Sie noch Verbesserungspotential sehen.
Ich glaube, wir sind uns einig, dass es schön wäre, wenn es eine Weinsendung als feste Institution im deutschen Fernsehen geben würde und wie Herr Supp richtig festgestellt hat, wäre n-tv durchaus die passende Plattform. Sehen wir die ersten Sendungen von 100% Wein als ein Versuch herauszufinden, was vom Publikum gewünscht wird. Wir sind das Publikum, helfen wir mit, diese Sendung weiter zu entwickeln. Versuchen wir also gemeinsam zu formulieren, wie eine solche Sendung aussehen müsste.
Ihre Meinung zu ’100% Wein’…
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100% Wein – heftige Reaktionen aus der Bloggerszene Wenn man die Reaktionen der Blogger rundum zusammen fasst, dann scheinen gerade alle darauf zu...




Gelungen! Herzlichen Glückwunsch für diese erfrischende, zielgruppengerechte Sendung! Wein ist in den letzten 10 Jahren vom Getränk für besondere Anlässe zum “kleinen Luxus für jeden Tag” geworden. Immer mehr Leute haben den Wein für sich entdeckt. Und das ist gut so.
Die Leute, die neu dazu gekommen sind, haben ganz andere Ansprüche an das Getränk, als der klassische “Bildungs”-und “Kultur-Weintrinker”. Das weiss ich persönlich von tausenden Seminar-Teilnehmern. Die neuen Weintrinker wollen auch nicht so viel Zeit für den Wein aufbringen. Sie möchten schlicht und einfach geniessen und Spaß haben. Für diese Zielgruppe ist die Sendung vollkommen in Ordnung. Wichtig: es darf durch die Verkürzung kein Unsinn entstehen und keine falsche Mythen tradiert werden.
Inzwischen gibt es ein ganze Reihe Reaktionen und Kommentare aus der deutschen Weinblogger-Szene. Hier seien nochmals die wichtigsten Artikel zusammengefasst, ich hoffe ich hab keinen übersehen:
Alexander Ultes hat sich inzwischen detailliert mit der Sendung auseinandergesetzt, 100% Wein mit Michael Liebert auf n-tv III (http://wein-ultes.over-blog.de/article-25294653.html)
Mario Scheuermann hat auf drinktank, nochmals die Meinungen zusammengefasst, 100 % Wein: Blog-Reaktionen (http://drinktank.blogg.de/eintrag.php?id=2663)
und auch im Online-Weinforum talk-about-wine.de ist die Sendung inzwischen zum Gegenstand einer ausführlichen Diskussion geworden (http://www.talk-about-wine.de/topic.asp?TOPIC_ID=5092)
Dem Wunsch von Michael Liebert komme ich gern nach und stelle meinen Beitrag aus talk-about-wine auch hier zur Diskussion bzw. gebe ihn als Anregung für etwaige Optimierungen weiter:
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- Dem Anschein nach bestand zunächst der Anspruch, das Thema nicht zu eindimensional zu betrachten; darauf deuteten sowohl die Vielzahl der Unterthemen hin als auch die Unterschiedlichkeit der Interviewpartner und der sachliche, unaufgeregte Grundton.
- Im Ergebnis ist diese Ambition aber im Keim erstickt worden, da zu Gunsten des Zeitrahmens und der leichten Verdaulichkeit auf jeweils sehr kurze Häppchen gesetzt wurde. Diese Häppchen schienen zwar wenige objektive Fehler zu enthalten, in der verkürzten Aussage steckten aber für ahnungslose Zuschauer Irrwege zu Fehlschlüssen und unzulässigen Vereinfachungen und für kenntnisreichere Zuschauer Enttäuschungen durch Belanglosigkeit. Erstes Beispiel: Ernst Loosen sollte den typischen Moselriesling beschreiben und formulierte, durchaus nicht zu forsch, die Eigenschaften eines leichten, restsüßen Kabinetts als EINE typische Ausprägung. Die möglicherweise folgenden Erläuterungen zu anderen typischen Formen fielen dann mutmaßlich dem Schnitt zum Opfer; lediglich ein unverbindlicher Satz zur Vielfalt blieb stehen. Zweites Beispiel: Es wurde (ich glaube, im Margarethenhof-Keller) über Restsüße gesprochen und wie gut diese dem Moselriesling stehe. Zoom auf ein spinnwebenbesetztes Weinregal. Off-Sprecher (sinngemäß): der Zucker tut dem Wein gut, er wird haltbarer, diese Weine können auch 100 Jahre alt werden. Dass wir dann aber sicherlich nicht mehr über restsüße Kabinette sprechen, sondern über Edelsüße (die in der ganzen Sendung nicht vorkamen), wurde wieder verschwiegen.
- Diese beiden Punkte zusammen machen für mich das Ärgernis aus: Einerseits ist weder der Ton polemisch noch eine parteiliche Absicht von vornherein erkennbar – andererseits ist die Hauptaussage der ganzen Sendung eben die: Moselriesling ist leicht, fruchtig, mineralisch, (rest)süß und trotzdem gaaanz vielfältig (einsetzbar). Das ist dann eben erstens etwas schief (wiel die Vielfalt z. B. nicht allein innerhalb dieses Stils entsteht) und zweitens leider doch auch tendenziös, weil man anscheinend bewusst alles unter den Tisch fallen ließ, was die Hauptaussage hätte stören können. Für die offensichtlich gewünschte Einfachheit der Aussage und die Zeitdauer der einzelnen Magazin-Häppchen hätte es keines derart großen Repertoires an Interviewpartnern, Experten etc. bedurft.
- Die Moderation jemandem vom Typ “reiner Tor” zu überlassen, ist ja durchaus einer der journalistisch möglichen Ansätze – die Moderatorin sozusagen als Stellvertreterin des uninformierstesten anzunehmenden Zuschauers. Bei den meisten Kochsendungen z. B. ist das gängige Praxis. Derart auf die Spitze getrieben wie in diesem Fall, wird das jedoch zum Ärgernis. Offen zu fragen ist eine Sache, dabei ständig zu lächeln wie eine Messehostess und zu kichern wie eine Mittelstufenschülerin im Aufklärungsunterricht, war mir ingesamt dann sozusagen zu restsüß.
- Als weiteres Beispiel für das verschenkte Potenzial in der Einbeziehung von Experten: Der Aromenbar-Unterbeitrag war durch den radikalen Zusammenschnitt total konfus. Anzusetzen mit vier Weinen, von denen dann nur einer getrunken wurde, und mit den Aromenfläschchen als Schulungs- und Kontrollwerkzeugen, um dann aber bei der thematisch nur lose verwandten Erkenntnis anzukommen, dass Geschmack und Süßeempfindungen auch von der Essensbegleitung abhingen (nota bene: Weintrauben und Oliven sind schon denkbar große Herausforderungen für jede Art von Weinbegleitung), hat mir nicht eingeleuchtet.
- Ein bisschen lustig fand ich noch Ernst Looses Auftritt mit Sakko im Weinberg; die Perlen(?)kette der Moderatorin überraschte da schon weniger. Und eine Frage zu Loosen im Weinberg habe ich auch noch: Wie kommt er auf Kosten von 4.000 EUR für einen Erntetag im Weinberg? Die Frage ist nicht rhetorisch gemeint, mich würde ehrlich interessieren, wie diese Summe zustande kommt.
- Zu guter Letzt: Die Anmerkung von Alexander Ultes in seinem Blog, “Wir müssen in diesem Fall einfach auch sehen dass es sich um ein Kooperationsprojekt zwischen einem Fachhändler und einem Fernsehsender handelt, nicht um eine redaktionell erstellte journalistisch und fachlich anspruchsvolle Reportage” finde ich bedenklich. Es ist sicherlich richtig, dass diese Kooperation als Erklärungsfolie dienen kann und eine Praxis beschreibt, die auch bei anderen Themen gängig ist. Aber da die Sendung nicht als “Dauerwerbesendung” gekennzeichnet war, sind journalistische Mindestanforderungen meinen bescheidenen Kenntnissen vom Medienrecht nach auch für solche Fälle anzulegen. Wünschenswert sind höhere Ansprüche ohnehin.
Insgesamt: Für mich ein in Ton, Aussage, Schnitt, Musik und Dauer typischer Beitrag zur Unterhaltung im Bord-TV von Fluglinien. Regt die meisten Kenntnisreichen nicht weiter auf und erweckt beim Unwissenden den Anschein eines gewissens Informationswerts und des Gewinns einiger neuer Stichworte für den nächsten Party-Talk.